Mein Leben mit Adrien Brody (6)

Als ich um kurz nach acht Uhr abends die City-Station verlasse, nehme ich mir fest vor: „Ab jetzt viel fröhliche Aktivität!“ Die Arbeit dort konfrontiert mich jedes Mal aufs Neue mit Fragen, die ich nicht beantworten kann. Welches merkwürdige Schicksal regiert, oder welcher Dämon in jedem einzelnen von uns, dass die einen Krisen meistern und ihr Leben genießen können, die anderen hingegen verzweifeln und scheitern? Was macht die einen reich und die anderen obdachlos?

Frühling in Berlin

Die Sonne ist gerade erst untergegangen, die Luft zwar kühl, aber doch zugleich angenehm mild, Versprechen eines verzaubernden Frühlings. Ich meide den lärmenden Kurfürstendamm mit seinen aufdringlichen Schaufensterfassaden und wähle stattdessen den etwas längeren Weg südwärts zur U-Bahn Konstanzer Straße. Das Vogelgezwitscher übertönt das Rauschen des Straßenverkehrs. Berlin kann schön sein – manchmal. Oft wird es mir zu viel und träume ich von einem Leben auf dem Bauernhof, wohl wissend, dass ich das keine drei Tage aushalten würde.

Adrien Brody wird zum Penner

Auf der Treppe hinunter zur U-Bahn-Station hockt zusammengekrümmt eine Gestalt in grauem Wollmantel, die schwarze Pudelmütze tief in die Stirn gezogen. Ich bin schon halb vorbei, als ich realisiere: Es ist Adrien! Die Herzchenbrille! Wie hatte ich an der vorbeilaufen können! Ich drehe mich zu dem Mann um, beuge mich zu ihm hinunter. In dem leeren Pappbecher vor ihm sehe ich ein paar Kupfermünzen und goldglänzende Zwanzig- und Fünfzig-Cent-Stücke. „Adrien“, will ich ausrufen, da blickt der Mensch zu mir auf, braune Augen hinter herzförmigen dunkelrosa Brillengläsern, schwarze Bartstoppeln, eine gerade, zierliche Nase. Es ist nicht Adrien Brody. Der Mann, der da auf den Stufen sitzt, ist deutlich jünger, vielleicht Ende zwanzig. „Wer hat ihnen diese Brille gegeben?“ – fast herrsche ich ihn an, so sehr hat mir der Adrenalinschub wegen der unerwarteten Begegnung und die sofort darauf folgende Ernüchterung jegliche äußere Gelassenheit fortgespült.

Doch er ist nicht, den ich suche

„I’m sorry, I don’t speak German“, sagt der dunkelhaarige junge Mann. Er könnte ein Flüchtling aus Syrien sein. Aber ich will es gar nicht wissen, mich interessiert nur, wie er zu diesen Sachen gekommen ist, Adriens Sachen, denn die sind es tatsächlich, es ist SEIN Mantel, es ist SEINE schwarze Pudelmütze. Und es ist meine Herzchenbrille oder die meiner Tochter.
Er habe gefroren, erzählt mir der Bettler, und der unbekannte lange Mann mit der großen Nase („Big man with big nose“, sagt er, aber ich weiß ja, dass Adrien nicht dick ist), der Unbekannte also habe spontan Mantel und Mütze abgestreift und ihn darin eingehüllt. Dann habe er ihm auch noch die Brille aufgesetzt, über die habe es zwischen beiden eine kurze Diskussion gegeben, aber schließlich habe er, der Bettler, die Brille sogar lustig gefunden und daher akzeptiert. Der fremde Mann habe zuerst die Treppe zum U-Bahn-Schacht hinunter genommen, es sich dann aber offensichtlich anders überlegt. Er sei die paar Stufen wieder hochgesprungen und zum gegenüber liegenden Taxistand gelaufen. Und, ach ja, er habe sein Portemonnaie in der Hand gehalten, das habe er nämlich extra aus der Manteltasche genommen. In der anderen Tasche sei nur ein Päckchen Papiertaschentücher gewesen. „No mobile phone?“, frage ich, und so, wie der junge Bettler mir in die Augen schaut, die Herzchenbrille hat er abgesetzt und hält er in der Hand, so, wie er mich gerade und unverwandt anblickt, glaube ich ihm, als er sagt: „No. No mobile phone.“ – „Sure?“ – „Yes, sure.“

Brodys Aufmerksamkeit habe ich genossen

Ich hatte mich vorher keine Minute gewundert, warum Adrien nie auf sein Handy schaute wie andere Menschen. Es erschien mir selbstverständlich, dass er mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit widmete. Nie und nimmer hatte ich damit gerechnet, dass er mich in die City-Station begleitet, aber als er es dann tat, fragte ich mich nicht nach dem Grund, und es fiel mir nicht auf, dass so mancher Besucher sein Handy hervorzog, sobald er das Restaurant betreten hatte, um das kostenlose W-LAN zu nutzen, Adrien hingegen ohne Spielzeug zwischen den Fingern an der Theke saß. Ich hatte Adrien Brody für einen besonders höflichen, in sich ruhenden Menschen gehalten, einen, der sich nicht durch Getippe und Gezappe ablenken lässt. Wer wäre auch auf die Idee gekommen, dass er gar kein Handy dabei hat.
„Lost case“, denke ich, oder womöglich habe ich es laut gesagt. Der Penner mit Adriens Pudelmütze schaut mich so seltsam an, als HÄTTE ich etwas gesagt. Lost case, das ist die Losung, die mir jetzt im Kopf schwirrt. Adrien hat meine Nummer nicht. Ich habe seine nicht. Wir werden einander nicht wiedersehen. Das war doch aber schon vorher klar? Bereits, als er die City-Station verließ? Was ändert sich, weil ich einen Unbekannten für Adrien gehalten habe, und weil ich nun weiß, dass da kein Telefon vorhanden war, in das Adrien meine Nummer hätte eintippen können?
„Are you from Syria?“, frage ich den jungen Bettler. Er bejaht das, aber das würde er auch tun, wenn er aus dem Iran oder aus Rumänien oder Albanien käme. Es hat sich herumgesprochen, dass Syrer Flüchtlinge erster Klasse sind. „Can I keep the coat?“ fragt er unterwürfig, gerade so, als wenn ich darüber zu bestimmen hätte, bloß weil ich den Vorbesitzer kenne. Der Typ ist im Grunde ganz hübsch, und er wirkt sehr freundlich. Warum nehme ich IHN nicht mit nach Hause und lasse ihn bei mir übernachten? Schließlich kannte ich den ursprünglichen Besitzer des Mantels nicht wesentlich besser, bloß seine Filme.
Gedanken wirbeln mir ungeordnet und marternd durch den Kopf, während ich die Treppe hinunter schleiche und auf dem Bahnsteig warte. War ich nicht ganz froh, als Adrien mit einem kurzen „See you“ das Obdachlosen-Restaurant verließ? Wie lange könnte ich es aushalten mit einem Hollywood-Star? Möchte ich selbst berühmt sein? Und gesetzt den Fall, ich wäre es – wie lange würde ich damit klar kommen?
Andererseits war da dieses jähe Glücksgefühl. Der Moment, da ich glaubte, Adrien Brody säße am Abgang zur U7 am Bahnhof Konstanzer Straße, und ich könnte ihn einfach so einsammeln. Mit nach Hause nehmen, wieder aufrichten. Ich würde mir wohl gerne einbilden, dass er mich braucht. Aber das tut er nicht. Er braucht nicht einmal Mantel und Mütze, die gibt er weiter. Und dazu das Einzige, was er von mir angenommen hat, die Herzchenbrille. Die U-Bahn fährt ein. Ich sprinte die Treppe wieder hoch. Kann auch noch den nächsten oder übernächsten Zug nehmen. Ich will meine Herzchenbrille zurück, als Erinnerung an Adrien und diese verrückten anderthalb Tage.
Der junge Mann ist verschwunden. Nur der Pappbecher steht noch da, darin zwei Kupfermünzen. Die Cent-Stücke mit höherem Wert hat der Bettler vermutlich eingesteckt. Und er versucht bestimmt, Adriens edlen Wollmantel zu versetzen, um sich stattdessen eine billige Daunenjacke zu kaufen und von dem Rest des Geldes eine Woche zu leben.

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