Mein Leben mit Adrien Brody (4)

Adrien Brody kniet auf meinem Bett, hüpft auf und nieder und kitzelt mich durch. Der Typ spinnt doch! „Stop it, stop it!“, schreie ich. „It’s raining again“, singt Adrien. Ein Blick aus meinem Schlafzimmerfenster sagt mir, dass er leider recht hat. Es regnet mal wieder in Berlin. Mein herzallerliebster Hollywoodstar stellt das Rumgezappele auf meinem Bett für einen Moment ein und sagt: „Good women serve coffee in the morning.“

Ich stütze mich auf die Ellenbogen und betrachte ihn. Adrien trägt ein türkises T-Shirt mit der Aufschrift „Kampfküken“. Das Kampfküken ist abgebildet mit einem fetten Baseball-Schläger zwischen den Flügeln. Ein Geschenk von Kollegen aus Baden-Baden, die offenbar meine Kleidergröße nicht kannten. Es ist mein einziges XL-T-Shirt, deswegen habe ich es Adrien gestern Abend als Schlafanzug angeboten, zusammen mit einer ausgewaschenen Jogging-Hose. Sie reicht ihm bis kurz unter die Knie. Er hat auch eine Zahnbürste von mir überreicht bekommen und ein Handtuch. Und ich habe ihm gezeigt, wo die Zahnpasta zu finden ist und eine Gesichtscreme für empfindliche Haut – von den Unebenheiten und Vernarbungen auf seinen Wangen habe ich ja bereits berichtet. Eigentlich sollte der Typ doch Ruhe geben bis mindestens elf Uhr vormittags! Tut er aber nicht. Er biegt, auf meinem Bett kniend, den Oberkörper zurück, reckt das Gesicht gen Himmel, legt die Handflächen wie zum Gebet aneinander und stöhnt: „Coffee.“

Nun bin ich die schlechteste Kaffee-Köchin der Welt. Ist leider so. Ich besitze einen wunderbaren Espresso-Kocher von einer Firma, die wahnsinnig gern in diesem Blog genannt werden würde, aber mir bisher kein Geld gezahlt hat und deswegen verschwiegen wird. Der Espresso-Kocher ist wirklich spitze, aber ich setze ihn aus Faulheit höchstens dreimal im Jahr ein. Den Rest der Zeit haue ich schlicht einen Löffel feinst gemahlenen Kaffees in ein Glas, gieße Wasser auf, rühre Milch und Zucker dazu und warte, bis der Kaffeesatz auf den Boden gesunken ist. Nur zwei Menschen außer mir hat dieser Kaffee bisher geschmeckt, nämlich den beiden syrischen Musikern aus Mannheim, mit denen ich ursprünglich mein Programm mit arabischen Liebesgedichten entwickelt habe.  Kurz danach bin ich nach Berlin gezogen und habe in meinem Schöneberger Kiez das Double Eye entdeckt. Seitdem sind meine Kaffee-Probleme gelöst: Wenn ich Gäste habe, wecke ich sie mit einer Tasse Tee und schleppe sie danach zu diesem erstklassigen Kaffee-Laden.

„Adrien, let’s have orange-juice in the kitchen and then coffee at my favourite coffee-place“, schlage ich vor. „Oh no, people will recognize me“, wehrt er ab. „No they won’t“ halte ich dagegen.

Bevor wir das Haus verlassen, überreiche ich Adrien eine rosa Herz-Sonnenbrille. Ich weiß nicht mehr genau, wie sie sich in meinen Haushalt verirrt hat: Meine Tochter schleppt solche Absurditäten manchmal an und vergisst sie dann bei mir. Das Gestell ist aus billigem pink-metallic-leuchtendem Plastik, die Gläser zwei große schwarze Herzen, deren geschwungene Bögen Adriens Augenbrauen verdecken, die Spitzen reichen ihm bis über die Wangenknochen. Also kurzum, die dämliche Faschings-Brille verdeckt einen Großteil seines Gesichts, Adriens eigene Pudelmütze das Haar und die Ohren. Er ist immer noch erkennbar als Adrien Brody, aber ich hoffe darauf, dass alle Leute denken werden: „Adrien Brody würde niemals in einem so bescheuerten Aufzug durch Berlin laufen!“ Während wir die drei Treppen zur Straße hinunter gehen, überlege ich, dass Adrien in fortgeschrittenem Alter einen hervorragenden Cyrano de Bergerac abgeben würde. Von seiner  Nase nämlich vermag die Brille nicht abzulenken, und an diesem Riesenzinken ist er immer und überall zu identifizieren.

Im hellen Licht des Morgens kommt es mir merkwürdig vor, dass Adrien und ich einträchtig die Akazienstraße hinunterlaufen und über Belanglosigkeiten plaudern. Gestern Abend hatte ich mir weniger Gedanken gemacht. Aber das war wohl auch besser so? Zum x-ten Mal frage ich mich, wie ich es schaffen kann, ein eindimensionaler Mensch zu werden, der sein Leben einfach genießt und sich keine überflüssigen Fragen stellt.

Vor dem Double Eye sitzen Alexander Khuon und seine Freundin oder Frau, neben sich den Kinderwagen. Ich sehe sie öfter im Viertel. In gebührendem Abstand, aber mit gutem Blick auf das Paar platziere ich Adrien auf einem Bänkchen und schärfe ihm ein, den Platz zu verteidigen, denn vor dem Double Eye ist bereits viel los. Dann hole ich Latte mit Sojamilch für ihn, einen Capuccino für mich und ein Croissant für uns beide. Während ich meine Croissant-Hälfte in den Capuccino stippe, zeige ich Adrien Alexander Khuon und frage, ob er ihn kenne. Nein, er hat nie von ihm gehört. Ich erkläre, dass Alexander ein sehr renommierter Schauspieler sei und ebenfalls durch einen Film über einen Holocaust-Überlebenden bekannt geworden, nämlich den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Er habe dessen Bruder gespielt. Auch von Marcel Reich-Ranicki hört Adrien zum ersten Mal.

Ein bisschen schwindele ich, ich weiß, Alexander Khuon hatte seine erste Hauptrolle in „Die Entdeckung der Currywurst“. Aber es geht schließlich darum, einen Anknüpfungspunkt an Adriens ferne, überdimensionierte Hollywood-Bekanntheitswelt zu finden. Vielleicht irre ich mich, aber ich gehe davon aus, dass der „Wer hat’s erfunden“-Streit zwischen den Städten Hamburg und Berlin in Hinblick auf die Currywurst außerhalb Deutschlands nur wenige Exil-Deutsche interessiert, genau so wie man Marcel Reich-Ranicki nur im deutschsprachigen Raum kennt und bestenfalls noch in Polen. Für den Holocaust hingegen sind wir Deutsche weltweit berüchtigt. Ob als Roman-Plot oder Film: Holocaust geht immer. Manche Neo-Rechte ärgern sich darüber und holen aus unteren Schubladen der Lebensbewältigung Standardsätze hervor wie „Mit der Vergangenheit abschließen“, „Nach vorne blicken“, „Irgendwann muss doch mal Schluss sein“. Klar, irgendwann ist immer Schluss, mit jedem einzelnen menschlichen Leben, aber mit den Leben so vieler anderer Schluss gemacht und sich daran bereichert zu haben, das ist nun mal eine verdammt heftige Story, die kommt im Story-Telling-Seminar immer auf die eins.

„You know what“, unterbricht Adrien meine Gedanken, „I wish I was him.“ – „You mean, you wish you were Alexander Khuon?“ – „Yeah, exactly. I wish I was some middle famous middle-aged German actor instead of the Hollywood-star I am.“

Adrien Brody, glaubt es oder nicht, erklärt mir, dass er immer fürchterliche Angst hat zu scheitern. Er mag seine Arbeit. Er bereitet sich auf jede Rolle präzise vor. Er hat auch Übung darin, eine hohe Gage auszuhandeln oder durch sein Management aushandeln zu lassen. Er weiß, vom Kopf her, dass alles gut gehen wird. Dass er seine Sache gut machen wird. Aber tief in ihm drin, sagt er, stecke eine Grauen erregende Angst. Und so wie er das schildert, erregt die Angst wirklich ein Grauen, ein Er-Grauen, alles um ihn herum wird grau und leer, wenn die Angst zuschlägt. Er weiß dann nicht mehr, wozu er lebt oder warum andere offenbar so an diesem Leben hängen.

Wieder verspüre ich den Impuls, ihn in den Arm zu nehmen. Aber gerade in diesem Moment schaut Alexander Khuon zu uns herüber. Also lege ich Adrien nur eine Hand auf den Rücken und sage: „You know what? Everybody feels like shit sometime. That’s why we stick together. So that I can support you when you feel like shit, and you can support me when – well, I suppose you won’t stay that long.“ Adrien lacht mich an: „Does it take so long until you get that feeling?“ – Ich schweige und schaue Alexander Khuon auf dem Sitzplatz uns gegenüber direkt in die Augen. Was soll ich auch schon sagen? Dass ich, seit ich fünfzig geworden bin, denke, es gehe nur noch bergab? Dass ich die Mengen an Rotwein, die wir gestern Abend konsumiert haben, brauche, um überhaupt schlafen zu können? Dass ich bereits morgens beim Aufstehen denke, ich schaffe es nicht, ich schaffe den verfickten Tag nicht, und dass bloß er, Adrien, mit seinem verflixten Rumgehüpfe auf meinem Trampolin-Bett meinen negativen Gedanken zuvor gekommen ist?

Ich räuspere mich, bevor ich allzu rührselig werde: „I don’t know about your plans for today, but…“ – Bitte Mr. Hollywoodstar, zurück in die Realität. In meinen kleinen Berliner Alltag: Ich erläutere Adrien Brody, was ich für den Rest des Tages vorhabe. Um 15 Uhr 30 muss ich in der City Station sein, einer Aufenthaltsstätte für Obdachlose am Kurfürstendamm. Einmal in der Woche verrichte ich dort Küchendienst, schnippele Salat und führe mir vor Augen, dass es mir jenseits der fünfzig weitaus schlechter gehen könnte: Wenn ich nämlich nicht nur meinen Job verloren hätte, sondern auch meine Wohnung. „May I come with you?“, fragt Adrien. Ob er mich begleiten darf? In ein Obdachlosen-Restaurant??? Er, Adrien Brody? Na klar, nur zu. Das wird lustig. Vergiss nicht, die Herzchen-Brille aufzusetzen, Schätzeken.

 

 

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