Mein Leben mit Adrien Brody (1)

Er steht vor mir. Einfach so. Oder nein, er steht ja nicht vor mir, sondern vor dem Orania-Hotel. Ich bin da gerade vorbei gegangen. Wollte gerade vorbei gehen. Bleibe stehen, weil er da steht. Adrien Brody. Der Mann, von dem ich vor zehn Jahren oft gesagt habe, für ihn würde ich meine Familie verlassen.Jetzt kann ich das nicht mehr sagen. Ich habe keine Familie mehr. Meine Kinder sind erwachsen. Meinen Freund habe ich verlassen. Ich bin Single in Berlin, ein treibendes Kantholz, eine überflüssige U-Bahn-Benutzerin. Und jetzt stehe ich vor Adrien Brody. Er ist es wirklich. Er lächelt sein schiefes Lächeln und sagt „Hi“. Das ist vermutlich das Einzige, was man tun kann, wenn man so unverhohlen angestarrt wird.

Adrien Brody trägt eine Pudelmütze

Adrien Brody ist glatt rasiert, er trägt eine schwarze Pudelmütze und einen grauen, etwa hüftlangen Wollmantel. Er sieht einerseits genau aus wie in den Filmen und andererseits auch wieder nicht. In den Filmen wirkt er stets so lang und dünn, als müsse er mich um zwei Köpfe überragen, in Wahrheit ist er ungefähr so groß wie mein Sohn, auf jeden Fall kleiner als 1,90. Naja, in Filmen sehen Leute immer größer aus, man denke nur an Til Schweiger oder an Humphrey Bogart, für den Ingrid Bergman in einem Graben laufen musste, um zu ihm aufzuschauen, wie es sich im Hollywood-Film gehört.

Außerdem sehe ich selbst im Licht der Straßenlaternen, dass seine Gesichtshaut ein wenig lädiert ist. Aknenarben hätte ich nicht bei ihm vermutet, aber die müssen es wohl sein. Vor allem jedoch fehlt ihm die melancholische Ausstrahlung, die er hat in Filmen wie „Der Pianist“ oder „Darjeeling Limited“. Er wirkt eher wie ein Geschäftsmann, ein wenig gelangweilt, ein wenig angespannt. Ohne diese quasi metyphysische Dimension, die sein gequälter Blick ihm auf der Leinwand verleiht. Er IST ja auch nicht auf der Leinwand, sondern steht hier rum. Ohne zu rauchen. Warum steht ein Hollywood-Star vor einem Hoteleingang? Egal.

Nice to meet you

„Mr. Brody, nice to meet you“, sage ich und strecke ihm die Hand hin. Er schüttelt sie. Sein Händedruck ist fest, aber kurz. „I haven’t seen you in a while“ – ich meine natürlich, auf der Leinwand, aber er könnte es auch so auffassen, als wenn wir alte Bekannte sind und einander länger nicht begegnet. „The Orania is really a great hotel, but I haven’t seen the rooms yet, are they as nice as the restaurant?“ Er geht auf die Frage kaum ein, sondern erläutert stattdessen, dass dieser alte Toupetträger Donald Trump nun endlich mal einem gnädigen Herzinfarkt erliegen solle, und schildert die Verwahrlosung eines kalifornischen Nationalparks angesichts des Shut-Down. Dann fragt er unvermittelt: „You wouldn’t happen to know where I could get some cocaine?“

Nun ist es an mir, ihm einen längeren Vortrag zu halten. Ich spreche von der Rodung des Regenwaldes, Bandenkriegen in Kolumbien und jungen Mädchen, die einfach so sterben, weil in ihrem Magen oder Darm ein Kondom geplatzt ist. „I prefer that a broken condome brings new life, not death, therefore I do not take cocaine“, beende ich meine Rede. Ich muss Adrien ja nicht auf die Nase binden, dass ich mich am Oranienplatz kaum auskenne und nicht mal wüsste, wo ich ein Tütchen Gras besorgen kann.

Adrien Brody in der Oranien-Apotheke

„Ok, fine, but would you go for a drink with me?“ Na klar, auf ein Bier mit Adrien Brody, warum eigentlich nicht. Wir landen auf der gegenüber liegenden Seite des Platzes, in der „Oranien Apotheke„. Nur die ersten drei Buchstaben des Schriftzuges sind erleuchtet, entweder sind die übrigen kaputt, oder es fehlt das Geld für die Stromrechnung. Drinnen nehmen sie nichtsdestotrotz Apotheken-Preise: Etwa fünf Euro für eine Flasche Bier. Ok, es ist craft beer, aber mehr als eine Flasche werde ich mir nicht leisten können. Droht ein kurzer Abend mit Adrien zu werden. Er bemerkt, wie vorsichtig ich an meinem Bier nippe, übrigens ein wirklich ausgezeichnetes Gesöff einer Berliner Privatbrauerei, und sagt: „Don’t worry. I’ll pay for the drinks.“ Ach Adrien, darling, du ahnst nicht, wie gern ich dir jetzt um den Hals fallen würde. Aber die Leute gucken ohnehin schon, denn Adrien hat seine Pudelmütze abgestreift und auf den Tresen gelegt und sieht nun wirklich aus wie der Hollywood-Star von nebenan. Neben ihm steht ein gut geschminktes Mädel mit glatten blonden Haaren, maximal 25, und starrt auf die Mütze, als wolle sie das Teil klauen und als It-Piece auf ihrem Instagram-Account präsentieren. Schnell greife ich danach, ziehe mir die Mütze auf und signalisiere mit meinem Blick: „Das gehört mir. Und der Kerl dazu auch. Verzieh dich!“

Im Übrigen scheinen die Menschen hier von der Berlinale her einiges gewöhnt zu sein. Keiner spricht uns an, keiner bittet Brody um ein Autogramm. Vielleicht können sie genau wie ich kaum glauben, dass er es tatsächlich ist. Falls es sich doch um einen Doppelgänger handeln sollte, ist mir das mittlerweile egal. Dieser Mann hier, mit dem ich mich jetzt über die Weinkarte beuge, ist so intelligent, charmant, einfühlsam, witzig und – bodenständig, ich kann mich so ungezwungen mit ihm unterhalten und auf hohem Niveau betrinken, dass ich auch dann den Rest des Abends mit ihm verbringen wollte, wenn er Schuhputzer am Bahnhof Zoo wäre. Naja, dann könnten wir jetzt nicht eine Flasche Wein für 40 Euro aussuchen. Aber umgekehrt gibt es eine Menge reiche Idioten, die mich sehr wohl einen Abend lang einladen könnten und mit denen ich diesen Abend dennoch nicht verbringen will. Es gibt eben nur einen Adrien Brody. Und falls es einen zweiten gibt, habe ich mit dem gerade sehr viel Spaß.

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