Mein Leben mit Adrien Brody (3)

Ich schlage die Augen auf und muss mich erst einmal sortieren. Es ist gestern Abend ein wenig später geworden. Ich hatte zum Glück noch eine Flasche 2012er Brunello di Montalcino im Schrank, Überbleibsel eines Sechser-Packs aus meinem letzten Toscana-Urlaub vor ein paar Jahren. Die hatte ich aufgehoben für eine besondere Gelegenheit, und ein Besuch von Adrien Brody in meiner düsteren, durchschnittlichen Küche, das kann man wohl als besondere Gelegenheit bezeichnen.

Unsere Taxi-Fahrt vom Ora zu meiner Wohnung in Schöneberg verlief ziemlich geradlinig. Ich hätte den Taxi-Fahrer bitten können, uns an sämtlichen Sehenswürdigkeiten in Mitte vorbei zu kutschieren. Aber irgendwie sagte mir mein Gefühl, als ich neben Adrien auf der Rückbank des bequemen Mercedes saß und der schnauzbärtige grauhaarige Fahrer uns fragte, wo wir hin wollten, dass es kein idealer Moment wäre, längere Diskussionen anzufangen über den Fahrtverlauf. Ich komme im Großen und Ganzen mit Taxifahrern recht gut klar, aber ich kann mich nun mal nur einem Mann widmen, entweder dem Taxifahrer oder Adrien. Und irgend etwas an Adrien Brody neben mir wirkte so unentschlossen. Als wenn er es sich jeden Augenblick anders überlegen könne, plötzlich aus dem Taxi springen und mir eine gute Nacht wünschen, während ich noch dabei bin, die beste Strecke zwischen Brandenburger Tor, Alexanderplatz und Regierungsviertel zu entwerfen.

Adrien Brody liegt im Bett meiner Mitbewohnerin

Letztlich war auch der kurze Fahrtweg zu meiner Küche umstanden von bemerkenswerten historischen Monumenten, in Berlin ist es ja nahezu unmöglich, drei Schritte vorwärts zu laufen, ohne über eine Erinnerung an die NS-Zeit oder die SED-Diktatur zu stolpern. Und weil das eine schlimmer war als das andere, bewegt man sich zugleich auf einer hoffnungsvollen Zeitschiene, die suggeriert, allmählich wird alles besser, die Gesellschaft kommt voran und bietet allen mehr Chancen. Spätestens wenn der nächste süchtige Obdachlose einen anbettelt, wird diese frohe Sicht wieder ein bisschen relativiert.

Das brauchte mich alles nicht zu kümmern, ich saß neben dem schönsten Mann der Welt, er duftete nach Sandelholz, und ich zeigte ihm den Bendlerblock. Natürlich kannte Brody den aus dem Film mit Tom Cruise. Zum Glück haben Adrien und ich einen ähnlichen Geschmack, wir interessieren uns mehr für die Geschichte von unten, dafür, wie sogenannte einfache Leute einen Zeitabschnitt erlebt haben. Während wir den Landwehrkanal überqueren, berichte ich ihm von der neu eröffneten Gedenkstätte „Stille Helden“: Diese Menschen haben Juden bis Kriegsende zu verstecken versucht, manche haben das mit ihrem Leben bezahlt, einigen ist es jedoch auch gelungen.

Er erzählt mir von seinen Depressionen, nachdem er „Der Pianist“ abgedreht hatte. Sich wochenlang in einen Holocaust-Überlebenden hineinzuversetzen, ihn jeden Tag zu verkörpern, gehört nicht zu den Dingen, die einen heiter stimmen. Irgendwie schämt man sich dafür, überlebt zu haben. Aber zugleich ist einem klar, dass man für dieses Überleben zutiefst dankbar sein sollte und ohnehin nur eines tun kann: Weiterspielen. Die Situation von Władysław Szpilman deckte sich auf merkwürdige Weise mit dem Empfinden von Adrien, als er durch den Erfolg des Films plötzlich in die Star-Liga katapultiert und jüngster Oscar-Preisträger wurde. Er fragte sich nämlich: „Womit habe ich das verdient?“ Statt besoffen zu sein vor Freude und Stolz, nagte an ihm der Selbstzweifel, ob er die in ihn gesetzten Erwartungen auf Dauer erfüllen könne. Zwei Seelen stritten sich in seiner Brust: „Das steht dir zu, du hast dein Bestes gegeben, du bist einfach ein sehr guter Schauspieler.“ Und: „Das war es jetzt. Mehr kannst du im Leben nicht erreichen. Spring von der Brücke, dann stirbst du jung und glücklich.“

Als Brody von seinen Depressionen spricht, möchte ich ihn in den Arm nehmen

Als er davon sprach, da auf der Rückbank des Taxis, hatte ich zum ersten Mal den Wunsch, ihn in den Arm zu nehmen. Nein, ich tat es nicht. Das Taxi hielt vor meiner Haustür, der Taxifahrer drehte sich zu uns um, irgendwie erwartete ich, dass er fragen würde: „Zusammen oder getrennt?“ Stattdessen sagte er: „Macht 15,40.“ „Can I pay with credit card?“, fragte Adrien, doch ich hatte bereits einen 20-Euro-Schein gezückt und sagte „17 bitte“ zum Fahrer. Auch ich habe meinen Stolz. Wenn ich schon einen Hollywood-Star mit nach Hause nehme, will ich wenigstens das Taxi bezahlen.

Ein Glück, dass meine Mitbewohnerin das Wochenende bei ihrem Freund verbringt. Sie wäre bestimmt in Ohnmacht gefallen, wenn plötzlich Adrien Brody in ihre Schöneberger Vier-Zimmer-Wohnung spaziert. Einmal hatte bei uns Dieter Hallervorden angerufen, weil ich ihm ein Theaterstück angeboten hatte. Er wollte mir nur sagen, dass er es sich auf jeden Fall anschauen werde. Das Gesicht, mit dem Susanne mir den Telefonhörer weiterreichte, hätte ich fotografieren mögen. Wenn ein grünes Marsmännchen ihr gegenüber  gestanden hätte, hätte sie nicht entgeisterter gucken können. Als Hallervorden das Stück gelesen hatte, war er richtig wütend, er ließ mir durch seine Assistentin ausrichten, es sei viel zu politisch, und die Zuschauer würden schon nach dem ersten Akt das Theater verlassen. Aber damals am Telefon war er noch ganz freundlich und normal.

Susannes Abwesenheit hat noch einen weiteren Vorteil: Falls Adrien Brody über Nacht bleiben will, kann ich ihn in ihrem bequemen Bett einquartieren. Mein Wohnzimmer-Sofa lässt sich zwar auch zum Doppelbett ausklappen, aber ganz so gut gefedert ist es eben nicht.

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