Orchesterexperiment mit Wackeldackel

Der Wackeldackel heißt Els Vandeweyer und spielt Vibraphon. Das merke ich aber erst ganz zum Schluss, als ich in den Programmzettel schaue.

Vorher ist sie nur als Wackeldackel eine feste Größe: Wenn Dirigent Tyshawn Sorey eine Spielanweisung gibt, nickt die Frau mit den langen blonden Haaren. Was anfangs noch deutlich signalisierte Zustimmung scheint, verselbständigt sich zu rhythmischem Kopfnicken ähnlich wie Fußtappen. Dann wieder pendelt der Wackeldackel ebenso rhythmisch von links nach rechts und von rechts nach links. Ich begreife allmählich: In diesen Momenten wischt sie mit ihren Schlägeln über das vor ihr stehende Instrument, von oben nach unten, von unten nach oben. Daher die links – rechts – Pendelbewegung. Die Pianistin macht es ähnlich mit den Tasten des Flügels, ihre Hände sind zum Schutz des Instruments mit einem orange-bunten Schal umwickelt. Oder vielleicht, um den Eindruck einzeln angeschlagener Tasten zuverlässig zu vermeiden.

Versuchsanordnung für Weltmusik

Auch sonst gibt es in der Versuchsanordnung von Tyshawn Sorey viel Verblüffendes zu sehen, zu hören, zu entdecken. Noch nie gesehen habe ich die prominent mittig platzierte Guzheng, eine chinesische Wölbzither, wie Wikipedia mir später verrät. Die Kamancheh hingegen, die iranische Kniegeige, ist mir aus der arabischen Musik vertraut. Phänomenal ist, was der Stimmkünstler Alex Nowitz leistet: Er kombiniert seinen Gesang mit Schnapp- und Schnalzlauten, so dass es mal an das südafrikanische Xhosa erinnert, dann wieder an die glücklichen Sabberlaute eines Babys oder die, Ast-Knacken und Vogelstimmen imitierende, Verständigung von Indianern auf der Jagd.
Gemeinsam bilden all diese außerordentlichen Solisten das Orchester von Tyshawn Sorey für das Abschlusskonzert des Berliner Jazzfestes. Der gelernte Schlagzeuger probiert mit ihnen ein neues Kommunikationskonzept, eine andere Art des Dirigierens: Er schreibt einzelne Wörter auf Zettel, für das Publikum unsichtbar, da es nur den weißen Rücken des Blattes sieht, wenn Sorey seine Anweisung im Musiker-Rund herumzeigt. Mal deutet der Dirigent auch auf einzelne Spieler und gibt mit den Fingern der hoch erhobenen Rechten die Taktanweisung: In drei, in zwei, in eins sollen sie loslegen. Dann wieder fächert Sorey seine insgesamt vier Dirigentenstäbe auf: Der eine bleibt in der Linken, die drei anderen bilden in der Rechten ein Rad mit ungleichen Speichen. Je nachdem, ob entsprechend der Drehung der Hand die beiden oberen Taktstöcke waagerecht oder senkrecht zueinander stehen, wechseln zwei Gruppen von Musikern einander ab, wechseln ihre beiden Motive in der vom Dirigenten vorgegebenen Geschwindigkeit.

Wie findet der Hörer Orientierung in dieser Musik?

Naja, Motive, ein großes Wort. Eigentlich zeigt über weite Strecken jedes Instrument bloß, was es physisch kann, das Akkordeon beispielsweise wird weit möglichst auseinander gezogen, dann wieder auf engstem Raum gedrückt und geweitet, so dass es kurzatmig schnauft wie bei der Zwerchfellatmung im Yoga. Richtig dankbar bin ich der Posaunistin (Anke Lucks), als sie eine Melodielinie bläst und damit einen Anker der entschiedenen Aussage in das Meer der Geräusche wirft. Mit „Kakophonie“ wäre die Sache schnell abgetan, aber ich bleibe doch bis zum Schluss dran während dieser einstündigen Vorführung. Zugegeben, es kommt in Hinblick auf die akustische Schönheit nicht wesentlich mehr dabei raus als bei einem Flughafengebäude in Hinblick auf die optische. Die Herausforderung für Architekten von Flughäfen besteht ja darin, dass Reisende aus aller Welt, aus allen Sprachen, aus allen Kulturen schnellst möglich die Gepäckabfertigung ihres jeweiligen Fluges und das Damenklo finden müssen. Und so sehen die Gebäude dann auch aus: Funktional, weitläufig, grau mit grünen oder roten Schildern. Tyshawn Soreys Musik hört sich an wie ein Flughafengebäude. Aber interessant ist, dass wir Zuschauer die Reisenden durch diese Klangwelt verfolgen können, wie sie Orientierung suchen und finden.

Demokratie als Kunstform

Ist es Zufall, dass zeitgleich die letzte Sitzung des „Weltparlaments“ in der Berliner Schaubühne stattfindet? Der von Milo Rau ins Leben gerufene Debattierclub hat vier Tage lang versucht, eine Charta globaler, allgemein gültiger Forderungen zu erarbeiten. So wie Tyshawn Sorey es in der Musik versucht, will Milo Rau damit in der Politik neue Formen der Verständigung finden, und es ist nur konsequent, dass er in einem Theater beginnt, denn Politik in ihrer medial vermittelten Form ist immer auch großes Theater, eine Show fürs Wahlvolk. Mittlerweile sind einzelne Sitzungen auf Youtube zu sehen. In voller Länge kann man sich das nur in Maßen antun, genau so, wie die Übertragung von Soreys Orchesterexperiment im RADIO, ohne die visuelle Ebene, eine überaus absurde Veranstaltung gewesen sein muss.
Für die Teilnehmer und auch die Zuschauer im Saal war es bestimmt aufregend. Besonders in dem Moment, da sich die Abgeordneten des Weltparlaments auf einen Punkt der Charta NICHT einigen konnten – und es handelt sich da weiß Gott um keine Kleinigkeit:
„The determination of cultural heritage and achievements in terms of the history of ideas, which are valuable to all humankind and must be preserved for future generations, must be legitimized by a transnational democratic authority.“

Widerstand gegen die Vorherrschaft der Industrienationen

Zu deutsch: Es bleibt einer transnationalen übergeordneten demokratischen Institution überlassen zu bestimmen, welche kulturellen Errungenschaften und welches kulturelle Erbe im Sinne der Ideengeschichte von allgemeiner Bedeutung für die Menschheit sind und für künftige Generationen erhalten bleiben sollen.
Es hat diesem Artikel 4.2 sicher einen Bärendienst erwiesen, dass ausgerechnet ein aus Israel stammender Journalist (Igal Avidan) ihn zu verteidigen versucht hat mit dem Hinweis auf die erfolgreichen Bemühungen der UNESCO, ein palästinensisches Dorf vor der Zerstörung zu bewahren, indem das UNESCO-Komitee den Ort zum Weltkulturerbe erklärte. Aber auch ohne diesen Redner wäre die Sache wohl so ausgegangen, wie sie am Ende tatsächlich ausging: Der Artikel wurde abgelehnt, zu groß waren die Vorbehalte der meisten Delegierten, die „transnational democratic authority“ könnte letztlich doch nur europäische Werte (des Gewinnstrebens und Konkurrenzdenkens) legitimieren und damit die koloniale Vorherrschaft des Lebensstils der westlichen Welt weiter verfestigen. Die Instrumente Guzheng und Kamancheh waren ja auch bloß zwei Ausreißer in Tyshawn Soreys Weltorchester.
Dennoch, und obwohl weder die Weltparlamentssitzungen von Milo Rau noch das Orchesterexperiment von Tyshawn Sorey der pure Genuss waren: Ein Anfang ist gemacht. Diese beiden großartigen Künstler versuchen zumindest, weltweite Verständigung herzustellen, respektvollen Umgang auf Augenhöhe zu erreichen. Das ist mit Anstrengungen verbunden auch für uns „Konsumenten“ dieser Kunst. Aber es bedeutet bloß, dass auch wir unsere Haltung ein klein wenig ändern sollten. Wer zu müde ist für solch eine zugegebener Maßen anstrengende Veranstaltung, sollte zuhause auf dem Sofa bleiben und die teure Eintrittskarte der Enkelin in die Hand drücken.

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